jameda, oder wie Deutschland den Anschluss verliert

Die jameda GmbH in München gibt es nach eigenen Angaben seit 2007 und ist das derzeit größte Bewertungsportal für Ärzte. Jeder der im Internet einen neuen Zahnarzt oder Facharzt gesucht hat, ist schon Mal auf jameda.de gelandet. Hier kann man nach der Eingabe der Fachrichtung des Arztes und des Ortes so ziemlich jeden Arzt finden. Nach der Eingabe dieser Daten erhält man eine sehr schöne optisch aufbereitete Übersicht der verfügbaren Mediziner.

Die jameda-Suche

Suche ich in meinem Wohnort nach Zahnärzten, so bekomme ich eine Vielzahl von Zahnärzten angezeigt. Der Erste ist sogar mit einem Bild vertreten. Die Bewertungen dieser Ärzte lesen sich wie ein Wunschkonzert: 1,1; 1,0; 1,0 und 1,0. Der Erste Zahnarzt mit einer Bewertung von 1,1 hat 45 Bewertungen. Zwischenzeitlich gab es mal zwei Bewertungen die nicht angezeigt wurden, da diese von jameda überprüft werden mussten. Diese Bewertungen tauchen nun aber nicht mehr auf. Eine dieser Bewertungen, welche nun ersatzlos gestrichen wurde, stammte von mir. Meine eher nicht so gute Erfahrung fließt somit nicht in die derzeitige Bewertung von 1,1 ein.

Zweitens: Google

Wenn ich nun diesen Arzt bei Google suche, taucht er auch dort mit einem Foto auf. Hier hat er eine Bewertung von 4,6 von 5 Sternen. Alles 5-Sterne-Bewertungen, bis auf eine. Diese hat nur einen Stern. Dabei gibt es bei Google nur insgesamt 9 Bewertungen. Bei jameda waren es 45. Die Bewertung mit den meisten likes bei Google ist die mit einem Stern. Ich möchte hier nicht – auch wenn ich es vielleicht wollte – eine Bewertung zu Ungunsten des Zahnarztes aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen vornehmen. Vielmehr geht es mir darum das freiheitlich demokratische Deutschland und dessen Ablehnung gegen das „Big-Data-Silicon-Valley“ im Vergleich antreten zu lassen. Der Traum der deutschen Meinungsfreiheit und -vielfalt.

Die jameda GmbH

Der aktuellste beim Bundesanzeiger hinterlegte Jahresabschluss ist von 2014(!!!). Die Bilanzsumme beträgt ca. 1,8 Mio. €, der Bilanzverlust ca. 2,4 Mio. € und die Bilanz weist einen kritischen nicht durch Eigenkapital gedeckten Fehlbetrag in Höhe von ca. 920.000,00 € aus. Wer sich mit dem Thema nicht auskennt, dem sei gesagt, dass die jameda GmbH 2014 bilanziell überschuldet war. Dies ist ein Insolvenzgrund. Im Jahr 2013 waren die Zahlen negativer, sodass sich 2014 die Lage bereits etwas verbessert hat.

Eine solche Bilanz deutet auf einen finanzstarken Investor hin. Dies ist die Burda Digital GmbH, welche zur Hubert Burda Media Holding KG gehört. Der KG gehören Marken und Unternehmen wie Bunte, Chip, Cyberport, Focus, Xing und die Debitor-Inkasso GmbH. Mit ca. 2.672 Mio. € Umsatz und ca. 11.918 Mitarbeitern einer der großen Medienmogule in Deutschland. Damit solle auch die Finanzierung der jameda GmbH zunächst gewährleistet sein 🙂

Einnahmen

Einnahmen erzielt jameda aus dem kostenpflichtigen Angebot von Premiumpaketen für 69,00 € oder 139,00 € im Monat. Gerne arbeitet jameda auch mit Partnern aus der Medizinindustrie zusammen und verkauft hier Werbeplätze. Als Verbraucher zahle ich also nichts. Sprich, die Plattform jameda finanziert sich zu einem erheblichen Anteil von wohlwollenden Ärzten. Wie groß welcher Anteil dem Umsatz zufließt, kann ich jedoch nicht genau beurteilen.

Eigene Positionierung

jameda: „Unsere Mission: Bei uns finden Patienten zum passenden Arzt“.
Diese Mission würde ich als gelungen bezeichnen. Die Übersicht und das Angebot an Ärzten ist wirklich gut und reichhaltig. Jedoch dürfen auch Ärzte darauf bestehen, dass sie nicht auf jameda benannt werden.

Der jameda Qualitätsanspruch

jameda: „Erfahrungsberichte anderer Patienten dienen als wichtige Orientierung für die Suche nach einem passenden Arzt. „.
Okay…

jameda: „Wir arbeiten seriös! Wir prüfen und veröffentlichen Bewertungen entsprechend rechtlicher Vorgaben.(…)Wir sind unparteiisch!“
Mmmh…

Diesen Qualitätsanspruch kann jameda definitiv nicht einhalten. Und hier liegt auch das größere Problem dieser Plattform. Bewerten viele Nutzer einen Arzt negativ, so kann dieser zunächst die Bewertungen beanstanden und jameda nimmt dann eine Überprüfung vor. Wobei das Portal dabei eventuell die Bewertung eines Premium-Kunden überprüfen muss. Veröffentlicht jameda die negative Bewertung, so könnte der Arzt seinen Premium-Account kündigen. Hier gibt es eine direkte Abhängigkeit bzw. Druckmittel. Zudem läuft jameda in eine Haftungsfalle wenn sie unwahre Behauptungen veröffentlichen. Zudem könnten mehr Ärzte auch einfach ihren Eintrag löschen lassen. Diese Konsequenzen verlaufen entgegengesetzt der geschäftlichen Interessen jamedas.

Jedoch hat jameda ein leichtes Spiel die Meinung und Erfahrung eines Patienten einfach nicht zu veröffentlichen. Negative Konsequenzen gibt es hier augenscheinlich kaum zu befürchten. Zudem könnte es eine Vielzahl von Ärzten geben, die auf jameda wesentlich besser bewertet werden, als es die Patienten bestätigen würden.

Dunkelziffer

Das es hier einige Patienten gibt, die mit ihrer negativen Meinung über einen Arzt nicht erhört werden, ist wohl unbestritten. Nach welchen Kriterien lässt jameda Bewertungen nicht zu? Und wie hoch ist die Zahl dieser?

Einen kleinen Eindruck darüber, dass es doch eine erhebliche Zahl an gelöschten Bewertungen geben könnte, zeigt das Portal Trustpilot.com. Mit einer Portion gesundem Menschenverstand und dem hinterfragen kritischer und negativer Bewertungen kann man dort durchaus fundierte, grammatikalisch hochwertige, faktisch scheinbar korrekte und meinungsbasierende Erfahrungen lesen. Meinungen und Bewertungen von denen ich nicht ausgehen würde, dass diese Nutzer auf Rache, Schmähkritik oder Beleidigungen aus sind. Zudem klingen auch viele Erfahrungen mit Ärzten durchaus plausibel und nachvollziehbar. Solche Bewertungen meine ich damit nicht :):

„Jameda hat meine bewertung geloscht !!!!Ohne frund !!!Unfasbar!!!!!!“

Fast all diese konstruktive Kritik läuft dem Geschäftsmodell und Interesse jamedas entgegen. Zudem habe ich auch persönlich die Erfahrung gemacht woraus sich die folgende Meinung bildet: jameda hat keinerlei Interesse daran vor fragwürdigen und schlechten Medizinern zu warnen. Denn eines der wichtigsten Eigenschaften von Empfehlungsportalen ist vor allem auch vor nicht empfehlenswerten Anbietern zu warnen. Und dieser Funktion kommt jameda meiner Meinung nach eben nicht nach.

Persönliche Erfahrungen

Bei mir persönlich wurden von mehreren positiven und zwei negativen Erfahrungen die… genau, beiden negativen entfernt. Vor einer Nordamerikareise waren wir bei einem Arzt und haben uns nach Impfungen erkundigt. Dieser meinte, dass dafür Impfungen nötig seien und er dieser zunächst bestellen muss. Als wir dann zu Hause waren haben wir noch kurz recherchiert welche Impfungen wir bräuchten. Dort kam dann schnell heraus, dass es keine Impfempfehlung für die USA gibt. Im Gegenteil. Es gelten die gleichen Empfehlungen wie für Mitteleuropa und hier sind alle Impfungen vorhanden. Es war objektiv eine falsche Beratung. Auch andere Ärzte bestätigten, dass eine Impfung unnötig und nicht empfehlenswert sei. Der Arzt gab nach der negativen Bewertung bei jameda an, dass wir lügen würden und er nie eine Impfempfehlung aussprach. Ich halte dieses Handeln des Arztes für sehr gefährlich. Dieser Arzt hat bei jameda eine Bewertung von 1,7, bei Google von 3,4 von 5 Sternen. jameda hat meine Bewertung gelöscht, Google nicht.

In einem weiteren Fall war ich bei einem Zahnarzt, der zwar kurz mündlich eine Bestätigung zur kostenpflichtigen Behandlung einholte, jedoch nicht im Ansatz über die tatsächlichen Kosten aufklärte. Zu dem behandelte er ohne Rücksprache zwei Zähne, obwohl ich von einem ausging. Als dann später die Rechnung kam, habe ich dieser der Höhe nach widersprochen. Der Zahnarzt meinte dann tatsächlich, dass er mir alles genau vor der Behandlung erklärt habe, ich die Behandlung wollte und das er sich daran noch Monate später erinnern könne. Auch hier ist diese Aussage nicht nur falsch, sondern schlicht gelogen. Ich habe diesem Arzt auf jameda eine negative Bewertung hinterlassen, welche auf Fakten der Behandlung basierte. jameda hielt diese und eine weitere Bewertung zurück. Nach einem langen Prozess und der Einreichung von Unterlagen meinerseits wurde dann nach knapp 7 Monaten – solang würde kein Gerichtsverfahren dauern – entschieden das meine Bewertung gelöscht wurde. Der Grund: „Entweder entspricht Ihre Bewertung nicht den Nutzungsrichtlinien oder die Bewertung enthält Passagen, die im Falle einer juristischen Überprüfung nicht zu beweisen sind.“ Gegen die Nutzungsrichtlinien habe nicht verstoßen 🙂

Somit ist klar, dass selbst bei einer Bewertung oder selbst einer Meinung die Beweislast beim Patienten liegt. Das ist schlicht Unfug. jameda will einfach kein Aufwand/ Geld darauf werfen, negative Tatsachenbehauptungen über Mediziner neutral zu entscheiden. Die Interessen lassen es offenkundig nicht zu. Auch die andere Bewertung zu diesem Zahnarzt wurde offensichtlich Monate später wieder entfernt. Bei Google ist meine Bewertung noch heute online.

Fazit zu jameda

Für mich eine vollkommen sinnfreie Plattform. Okay, man kann noch bei ein paar Ärzten einen Onlinetermin vereinbaren. Leider habe ich davon keinen in meiner Nähe.

Wenn ich versuche über ein Portal neutrale Informationen zu erhalten, bekomme hingegen meiner Erfahrung nach nicht die Realität, sondern ein gefiltertes Bild von Ärzten in meiner Umgebung gezeigt, dann schadet mir die Plattform definitiv mehr als sie mir nützt. Hier wird meiner Ansicht nach ein falsches Vertrauen erweckt.

Gerade von einem finanzstarken Investor – wie der Burda Digital GmbH – erwarte ich Rückgrat und eine Prozessfreudigkeit. Mir scheint es, als dass Geldverdienen eine wesentlich höhere Priorität als das Aufklären hat.

jameda vs. Silicon Valley

Ja, mit Silicon Valley meine ich hauptsächlich Google. Aber mal im Ernst. Einige Zeit lang galt jameda als gutes Portal zur Arztsuche. Dieser Eindruck weicht immer mehr der Realität. Ich gehe davon aus, dass es eine erhebliche Zensur bei jameda zum Nachteil des Patienten gibt. Es ist nach den angemerkten Details unwahrscheinlich, dass ein zahlender „Premium-Arzt“ der viele Patienten schlecht behandelt tatsächlich durch jameda so gezeigt wird, wie er eben Patienten behandelt. Dadurch ist es nicht plausibel, warum ich jameda zur Empfehlung eines Arztes nutzen sollte.

Anders hingegen bewerte ich Google. Klar, Google finanziert sich auch über Werbung und „Premium-Kunden“. Jedoch halte ich es für wahrscheinlich das hier ein Meinungsbild falsch dargestellt wird. Die Interessen Googles sind einfach andere, idealistischer. Ich weiß, aber das meine ich ehrlich. Google fördert definitiv eine freie Meinungsvielfalt als es beispielsweise deutsche Unternehmen derzeit können. Mal im Ernst: Die Google-Bewertungen halte ich für wesentlich vertrauenswürdiger, plausibler und objektiver als beispielsweise jameda. Klar, hier gibt auch Mal die eine oder andere Schmähkritik. Aber ich denke es liegt im Auge des Betrachters diese zu Filtern. Unterm Strich kann ich die Googlebewertungen besser nachvollziehen.

Was passiert hier?

Was jameda betrifft, so verliert hier eine deutsche Vorzeigeplattform die alles hätte sein können seinen Status – zumindest langfristig. In Deutschland sprechen wir immer von Vertrauen welches zurückgewonnen werden muss. Ich denke hingegen dass sich das „jameda-Geschäftskonzept“ nicht mit den langfristigen Zielen der Patienten vereinen lässt. Wir haben hier, so meine Prognose, in fünf bis max. zehn Jahren ein weiteres StudiVZ. Ein solches Portal lässt sich nur langfristig aufbauen, wenn zwischen Nutzer und Finanzierung eine win-win-Situation vorliegt. Dies ist hier durch die gegenläufigen Interessen an Werbenden Ärzten und der Anforderung an objektiven Bewertung nicht gegeben.

Google hingegen macht das Schalten von Werbeanzeigen und der Auslieferungen von Bewertungen nicht vom Geschäftskonzept abhängig. Google verdient damit Geld, allen Nutzern eine möglichst spezifische Werbung auszuliefern. Zahlen Ärzte hierfür keinen Cent, who cares? Google ist so breit aufgestellt, dass sie sogar Online-Casino-Webung bei einer Arztsuche schalten können. Ob das nun gut oder schlecht und der Untergang unserer Zivilisation ist, wird sich zeigen. Zumindest legt Google das Geschäftskonzept eher auf eine Kundenbindung ohne eine direkte Finanzierung der zu bewertenden Subjekte aus. Und Google gewinnt dadurch Daten, Bedeutung und mehr Nutzer. Somit ist es für Google ein Gewinn und auch für den Nutzer. Ob dies nun ein Paradebeispiel für eine win-win-Situation ist, sei dahingestellt.

Zumindest ist es für mich ein Grund jameda zu belächeln und zukünftig mein Smartphone und Google Maps zur Arztsuche zu benutzen und das nach Würdigung aller Fakten – zur Recht.

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